Rhein-Sieg-Zeitung vom Mittwoch, 29. Februar 2012, Seite 19:

 

"Ninjutsu zielt auf Abwehr

 

Selbstverteidigungs-Schnupperkursus im Jugendzentrum Sankt Martin

DUISDORF. Schubsen, Ärgern und Prügeln sind Alltag auf Schulhöfen. Aber wie soll sich ein Fünftklässler wehren, wenn ein älterer Schüler zu ihm kommt und ihm gegen die Brust schlagen will? Ninjutsu-Trainer Mike Schindewolf vom Godesberger Judo Club hat da ein gutes Rezept für die Kinder, die zum Selbstverteidigungs-Schnupperkurs ins Jugendzentrum Sankt Martin gekommen sind: Schnell zur Seite drehen, die Schlaghand abwehren und mit beiden Händen packen. Dann ein bisschen Hebelwirkung, und der Prügler liegt am Boden. Und dann? „Weglaufen und Hilfe holen“, riet der Sportwissenschaftler.

Für solche Situationen wollen die neun Teilnehmer zwischen acht und zwölf Jahren gerüstet sein. „Wir gehen fast alle demnächst auf weiterführende Schulen“, sagte Fernando (12). „Wenn ich da hinkomme, habe ich ein bisschen Angst, dass ich von älteren Schülern geschlagen werde“, meint Ann-Zoe (10). Einige haben auch schon ihre Erfahrungen mit Älteren gemacht: Finn (10) wurde von einem größeren Jungen geschlagen, bis ihm seine Freunde zu Hilfe kamen, Luis (11) erzählt von einem Freund, der an einer Bushaltestelle verprügelt wurde und nur fliehen konnte, indem er den hinderlichen Schulranzen wegwarf, und Philipp (11) wurde auf einem Spielplatz gar von Jugendlichen mit einer Soft-Air-Pistole beschossen. „Es ist grundsätzlich besser, sich zu wehren“, ist Fernando überzeugt.

Er und die anderen lernen, sich aus festen Griffen zu befreien, andere abzuwehren und sich generell Luft zu verschaffen, um sich entfernen zu können. Letzteres ist besonders für Juliana, mit acht Jahren die jüngste Teilnehmerin, wichtig: Das zierliche Mädchen könnte auch mit der richtigen Technik nicht viel gegen rohe Gewalt ausrichten. Aber bei Gleichaltrigen könne es helfen, meint sie.

Ninjutsu eigne sich gut für Schulhof-Situationen, weil es, anders als Angriffssportarten wie Karate, kein aggressives Verhalten darstelle, sondern auf Verteidigung ausgerichtet sei, sagt Schindewolf, Träger des 13. Dan Bujinkan Ninpo Budo Taijutsu. „Das ist auch etwas für Kinder, die nicht so stark sind.“ Als Grundlage für die Selbstverteidigung sei es auch deshalb gut, „weil es freies Denken fördert“. Keine strikten Techniken und Regeln, sondern situationsabhängiges Verhalten, das mache diese Kampfkunst zu einer guten Basis.

Deshalb geht es im Jugendzentrum auch spielerisch zu: Zum Beispiel wird das Fangen-Spiel mit Abwehrtechniken verknüpft. Die drei Mädchen und sechs Jungen finden das richtig gut. Bei dieser Resonanz stehen laut Einrichtungsleiter Stephan Kemper die Chancen gut, dass das Zentrum diese Ninjutsu-basierte Selbstverteidigung als regelmäßigen Kurs anbietet, den Schindewolf auch leiten würde. kpo"


Selbstbehauptungskurse für Jungen

"Körperlicher Einsatz ist das letzte Mittel"

Von Anke Vehmeier

Bonn.  Schubsen, mobben, anmachen, abzocken. Viele Kinder und Jugendliche werden täglich mit Gefahrensituationen, Konflikten oder gar Gewalt konfrontiert. Michael Schindewolf bietet Selbstbehauptungskurse für Frauen und Mädchen, aber auch für Jungen an. Anke Vehmeier sprach mit dem Trainer und Diplomsportwissenschaftler über Sicherheit, Selbstwertgefühl und Souveränität.

 

 

Jungen sollen zur Selbstbehauptung mehr auf Kommunikation als auf körperlich Stärke setzen. Michael Schindewolf hilft ihnen, das zu lernen. Foto: Max Malsch

Warum bieten Sie Selbstbehauptungskurse für Jungen an?
Michael Schindewolf: Die ersten Selbstbehauptungskurse wurden Anfang der 90er Jahre für Frauen angeboten, später auch für Mädchen. Jungen waren nie ein Thema. Dabei ist es extrem wichtig, sich mit ihnen zu beschäftigen. Denn von ihnen wurde immer Selbstständigkeit und Stärke erwartet. Reden gilt als Schwäche. Dabei ist die Kommunikation der erste Schritt, um Gewalt vorzubeugen oder einen Konflikt zu lösen.

Was ist das Besondere an den Kursen für Jungen?
Schindewolf: Ich entwickele die Kurse immer weiter. Wichtig ist es, ganz nah an der Lebenswelt der Jungen dran zu sein. Das gilt aber auch für die Mädchenkurse, denn etwa die schwachen Mädchen in den 90er Jahren, die stark gemacht werden sollten, gibt es so in der Masse heute nicht mehr. Es werden Themen aufgegriffen, die die Kinder und Jugendlichen betreffen und betroffen machen. Dabei geht es um soziale Gewalt, etwa Dominanz oder Revierkämpfe. Wichtig ist allerdings auch der Umgang mit dem Internet und Gefahren, die etwa in den sozialen Medien wie Facebook oder Whats-App lauern können.

Was und wie lernen die Jungen bei Ihnen?
Schindewolf: Wir trainieren in Rollenspielen, wie konkrete Situationen gemeistert werden können. Dabei geht es um Gestik, Mimik und Körpersprache, die die Jungen einsetzen können, um eine bedrohliche Situation zu erkennen und sich da herauszuziehen. Sie lernen auch, in der Gruppe einmal nein zu sagen und nicht alles mitzumachen, was die anderen wollen. Es geht um Selbstbewusstsein, um Eigenverantwortung und um ein souveränes Auftreten.

Wie alt sind die Kursteilnehmer?
Schindewolf: Ich arbeite als jüngste Gruppe mit Vorschulkindern und I-Dötzchen, denn sie müssen sich zum Beispiel in Territorialkämpfen behaupten. Wenn sie zum Beispiel auf einem anderen Schulhof spielen wollen und dort von den Älteren angemacht werden, lernen sie Gefahren zu vermeiden, indem sie auf Abstand bleiben oder Hilfe holen. Soziale Gewalt bekommt schnell eine eigene Dynamik. Die Kinder sollen lernen, nicht klein beizugeben, sondern eine Situation souverän zu lösen. Sie lernen auch, wie sie mit ressourcenorientierter Gewalt umgehen, wenn also jemand ihr Geld, das Handy oder die Markenkleidung fordert.

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf als Trainer gekommen?
Schindewolf: Ich komme ursprünglich aus der Selbstverteidigung, damit habe ich in den 80er Jahren begonnen. Ich habe Sportwissenschaft studiert und bin verantwortlich für die Organisation und Koordination der Frauen- und Mädchenselbstbehauptungskurse des Polizei-Sportvereins in Zusammenarbeit mit dem Kriminalkommissariat Kriminalprävention und Opferschutz der Polizei Bonn. Ich habe viele nationale und internationale Weiterbildungen in Selbstverteidigung und Personenschutz absolviert, zum Beispiel in England und in Japan.

Lernen die Kursteilnehmer auch Kampftechniken?
Schindewolf: Nicht in erster Linie, sondern sie lernen jede Menge Verhaltensmodifikationen, bevor es zur körperlichen Gewalt kommt. Es gibt zwar einen sportlichen Teil, bei dem es um effektive Selbstverteidigung geht, aber es soll aufgrund der Unwägbarkeit und des hohen Eigengefährdungspotenzials das allerletzte Mittel sein und bleiben und nicht die erste Wahl.

Zur Person

Michael Schindewolf wurde am 23. August 1968 in Mainz geboren. Er begann mit zehn Jahren mit Judo im 1. Godesberger Judo Club. Danach folgte Ju-Jutsu, in dem er den 1. Dan erwarb. Er betreibt Selbstverteidigung seit 1985 und ist Diplomsportwissenschaftler und Selbstbehauptungstrainer. 1991 begann sein Engagement in der Frauenselbstbehauptung. Seit 1999 ist er in den Bereichen Selbstbehauptung, Kompetenztraining und dem Antiaggressionstraining für Kinder und Jugendliche tätig - in Kindergärten, Grund- und weiterführenden Schulen im Rhein-Sieg Kreis. Das BUJINKAN Ninpo Budo Taijutsu betreibt er seit 1989. Michael Schindewolf ist Träger des 14. Dan Ninpo Budo Taijutsu.

 

Artikel GA / Bonn vom 03.05.2014 (http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/beuel/Koerperlicher-Einsatz-ist-das-letzte-Mittel-article1340223.html)