Selbstbehauptungskurse für Jungen

"Körperlicher Einsatz ist das letzte Mittel"

Von Anke Vehmeier

Bonn.  Schubsen, mobben, anmachen, abzocken. Viele Kinder und Jugendliche werden täglich mit Gefahrensituationen, Konflikten oder gar Gewalt konfrontiert. Michael Schindewolf bietet Selbstbehauptungskurse für Frauen und Mädchen, aber auch für Jungen an. Anke Vehmeier sprach mit dem Trainer und Diplomsportwissenschaftler über Sicherheit, Selbstwertgefühl und Souveränität.

 

 

Jungen sollen zur Selbstbehauptung mehr auf Kommunikation als auf körperlich Stärke setzen. Michael Schindewolf hilft ihnen, das zu lernen. Foto: Max Malsch

Warum bieten Sie Selbstbehauptungskurse für Jungen an?
Michael Schindewolf: Die ersten Selbstbehauptungskurse wurden Anfang der 90er Jahre für Frauen angeboten, später auch für Mädchen. Jungen waren nie ein Thema. Dabei ist es extrem wichtig, sich mit ihnen zu beschäftigen. Denn von ihnen wurde immer Selbstständigkeit und Stärke erwartet. Reden gilt als Schwäche. Dabei ist die Kommunikation der erste Schritt, um Gewalt vorzubeugen oder einen Konflikt zu lösen.

Was ist das Besondere an den Kursen für Jungen?
Schindewolf: Ich entwickele die Kurse immer weiter. Wichtig ist es, ganz nah an der Lebenswelt der Jungen dran zu sein. Das gilt aber auch für die Mädchenkurse, denn etwa die schwachen Mädchen in den 90er Jahren, die stark gemacht werden sollten, gibt es so in der Masse heute nicht mehr. Es werden Themen aufgegriffen, die die Kinder und Jugendlichen betreffen und betroffen machen. Dabei geht es um soziale Gewalt, etwa Dominanz oder Revierkämpfe. Wichtig ist allerdings auch der Umgang mit dem Internet und Gefahren, die etwa in den sozialen Medien wie Facebook oder Whats-App lauern können.

Was und wie lernen die Jungen bei Ihnen?
Schindewolf: Wir trainieren in Rollenspielen, wie konkrete Situationen gemeistert werden können. Dabei geht es um Gestik, Mimik und Körpersprache, die die Jungen einsetzen können, um eine bedrohliche Situation zu erkennen und sich da herauszuziehen. Sie lernen auch, in der Gruppe einmal nein zu sagen und nicht alles mitzumachen, was die anderen wollen. Es geht um Selbstbewusstsein, um Eigenverantwortung und um ein souveränes Auftreten.

Wie alt sind die Kursteilnehmer?
Schindewolf: Ich arbeite als jüngste Gruppe mit Vorschulkindern und I-Dötzchen, denn sie müssen sich zum Beispiel in Territorialkämpfen behaupten. Wenn sie zum Beispiel auf einem anderen Schulhof spielen wollen und dort von den Älteren angemacht werden, lernen sie Gefahren zu vermeiden, indem sie auf Abstand bleiben oder Hilfe holen. Soziale Gewalt bekommt schnell eine eigene Dynamik. Die Kinder sollen lernen, nicht klein beizugeben, sondern eine Situation souverän zu lösen. Sie lernen auch, wie sie mit ressourcenorientierter Gewalt umgehen, wenn also jemand ihr Geld, das Handy oder die Markenkleidung fordert.

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf als Trainer gekommen?
Schindewolf: Ich komme ursprünglich aus der Selbstverteidigung, damit habe ich in den 80er Jahren begonnen. Ich habe Sportwissenschaft studiert und bin verantwortlich für die Organisation und Koordination der Frauen- und Mädchenselbstbehauptungskurse des Polizei-Sportvereins in Zusammenarbeit mit dem Kriminalkommissariat Kriminalprävention und Opferschutz der Polizei Bonn. Ich habe viele nationale und internationale Weiterbildungen in Selbstverteidigung und Personenschutz absolviert, zum Beispiel in England und in Japan.

Lernen die Kursteilnehmer auch Kampftechniken?
Schindewolf: Nicht in erster Linie, sondern sie lernen jede Menge Verhaltensmodifikationen, bevor es zur körperlichen Gewalt kommt. Es gibt zwar einen sportlichen Teil, bei dem es um effektive Selbstverteidigung geht, aber es soll aufgrund der Unwägbarkeit und des hohen Eigengefährdungspotenzials das allerletzte Mittel sein und bleiben und nicht die erste Wahl.

Zur Person

Michael Schindewolf wurde am 23. August 1968 in Mainz geboren. Er begann mit zehn Jahren mit Judo im 1. Godesberger Judo Club. Danach folgte Ju-Jutsu, in dem er den 1. Dan erwarb. Er betreibt Selbstverteidigung seit 1985 und ist Diplomsportwissenschaftler und Selbstbehauptungstrainer. 1991 begann sein Engagement in der Frauenselbstbehauptung. Seit 1999 ist er in den Bereichen Selbstbehauptung, Kompetenztraining und dem Antiaggressionstraining für Kinder und Jugendliche tätig - in Kindergärten, Grund- und weiterführenden Schulen im Rhein-Sieg Kreis. Das BUJINKAN Ninpo Budo Taijutsu betreibt er seit 1989. Michael Schindewolf ist Träger des 14. Dan Ninpo Budo Taijutsu.

 

Artikel GA / Bonn vom 03.05.2014 (http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/beuel/Koerperlicher-Einsatz-ist-das-letzte-Mittel-article1340223.html)